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aktualisiert 12.8.2009
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Werdenberger & Obertoggenburger vom 2.11.2002

Das Rascheln im Duft der Maisblätter    

Reportage von Paul Schawalder


Von der Saat bis zur Verarbeitung des Mais geschieht so vieles, woran ich mich zu erinnern vermag und was prägend zu sein scheint für das Leben. Das Leben im Unterrheintal, dort wo Mais zu Ribel gekocht und gebraten wird, wo Mais mit verschiedenen Beilagen gleichsam eine breite «Menueauswahl» bietet, war auch gezeichnet von sippenähnlichen Verwandtschaften und Kollegenkreisen, die wahrhaft in guten wie in schlechten Tagen eine verschworene Gemeinschaft im wahrsten Sinne des Wortes waren. Ein ganz besonderer Tag und Abend war der des Törgga-Hülschet, woran ich mich erinnere, wenn jedes Jahr hier im Werdenberg solche Anlässe zur Erhaltung eines Brauches wieder stattfinden. Gerne denke ich zurück:    

Da sitzen wir wieder, im halbwegs warmen Schopf, der angebaut am Elternhaus für Torf-Schollen, Holz und Obst  gedacht war als sicherer Ort für die Lagerung von Produkten der täglichen und jahreszeitbedingten Lebensbedürfnisse. Ein Mal im Jahr räumen wir ihn aus, den Schopf. Dann erhebt sich mittendrin an einem Herbstabend ein wahrer Hügel gerade im  familieneigenen Acker geernteter Maiskolben. Ringsherum stehen die zum Sitzen bereit gestellten Harasse. Und dann kommen sie. Verwandte, Nachbarn, Freunde, Kollegen, Cousins und Cousinen, gleichaltrige, ältere, jüngere. Ich geniesse das Lachen, das friedliche Reden miteinander, die Spässe der Onkel und der Tanten, die wir Kinder etwas verlegen nachzuahmen versuchen und uns dann doch lieber den Gleichaltrigen zuwenden. Wir bespicken einander mit Körnern, es fliegen manchmal auch Kolben über den noch so hohen Hügel, dass das Vis-à-vis noch nicht genau erkannt werden kann. Es kommt auch vor, dass wir versuchen, so schnell wie möglich über den Haufen zu springen. Das bringt uns Schelte von denen, die  glauben oder eben wissen, dass das für die Maiskolben schädlich ist. Der Vater und ein zwei Gehilfen tragen indes fleissig die gebundenen Kolben in einer Weidenzaine auf den Estrich. Das sind pro Zaine immerhin eine kleinere Treppe und zwei grosse Treppen. Dort oben sind am Deckengebälk Drähte gespannt. Im Verlauf des Abends aber ist die Unterseite des Hausdachs wie ein Maiskolbenmeer, wie eine goldene Decke.
U nten im Schopf wird der Haufen
immer kleiner. Und dann beginnt das Rascheln lauter zu werden. Das unvergessliche Rascheln der Maisblätter, die gerade den Kolben abgenommen wurden. Wir laufen und stampfen durch die Blätter. Wir werfen sie hoch und das furchtbare Durcheinander schmeckt so sehr nach einer Mischung von Mais und Blättern. Noch lange dauert die Nacht des Törgga-Hülschet, wie in bestimmten Gemeinden gesagt wird. Eine lange Nacht. Für die Erwachsenen wenigstens. Wir Kinder müssen zu Bett, nachdem der verdiente Znacht verschlungen war. Meist Schüblig und Kartoffelsalat, Kartoffeln aus eigener Saat und Ernte.  Angesichts der Tatsache, dass die Eltern mit den Gästen und mit Aufräumen zu tun hatten, wurde es auch bei uns später. Aber jedes Jahr ist Hülschet. Auch wir Kinder freuen uns stets auf diesen Abend. Es ist fast so schön wie Weihnachten. Dieses unvergessliche Rascheln im Duft der Maisblätter. Dieses unvergessliche Zusammensein mit Onkel Fidel, mit Cousine Margrith, mit Wick und Karl. mit Ida und Heiri, Resi, Bruno und Peter.  
Fünfzig Jahre später. Der Ortsbürgerbund Buchs lädt die Bevölkerung zum «Türggä-Usschellä» ein. Im Werkhof Rietli beginnt abends um sieben Uhr emsiges Treiben. Hinten in der grossen Halle ist von weitem der Haufen Maiskolben zu sehen. Im Vorraum sind Frauen daran, Birnbrot, Maisbrot, Käse, Trauben, und Brätela zum späteren Verzehr nach getaner Arbeit herzurichten. Die Leute treffen ein. Frauen, Männer, ganze Familien, junge und ältere Leute.   Bald darauf werden leere Harasse bereitgestellt. Die Leute nehmen Platz auf den Bänken, das Rascheln beginnt. Und da ist er wieder: Der Duft der Maisblätter. Vier bis fünf Blätter werden dem Maiskolben belassen, die restlichen abgerissen und auf dem Boden liegen gelassen. Der nicht ganz entblätterte Kolben wird in den Harass gelegt. Erstaunlicherweise wird sofort miteinander gesprochen. Leute, die sich nie gesehen haben, finden augenblicklich den «Anschluss» und sprechen über dies und das. Die Älteren über frühere Zeiten, als die Kolben noch dicker waren. Die Jüngeren über die Disco, die an sich auch ein Besuch wert gewesen wäre. Die Kinder toben im Haufen und bald auch hinter den Bänken, sobald sie vom «Usschellä» genug bekommen und nach einigen zum Binden hergerichteten Kolben lieber schon etwas anderes tun wollen. Sie spielen im Schopf, klettern herum wo es nur geht, verschwinden auf der Diele, wo die gebundenen Kolben aufgehängt werden, kommen wieder herunter, werden immer aufgestellter und lauter und vergessen sich in einem Taumel eines aussergewöhnlichen Erlebnisses.
Etwas neben dem Kreis sitzen die Binder. Die Profis sozusagen. Sie kennen den Handgriff und brauchen einander über Mais nichts mehr zu erzählen. Viele sind Bauern und erzählen von aktuellen Erntearbeiten. Über das Herrichten der Zuckerrüben zur Verarbeitung in der Zuckerfabrik Frauenfeld. Eine Frau in traditioneller Arbeitschürze glaubt, dass der ausgebliebene grosse Föhn Schuld ist am noch nicht ganz trockenen Zustand der Maiskolben. Das Wetter soll ferner auch für die verhältnismässig vielen faulen Kolben verantwortlich sein, ist zu hören. Und früher hätte man auch hie und da einen roten oder gescheckten Kolben entdeckt. Heute nicht mehr. Auch früher sei man oft während zwei drei Wochen von Haus zu Haus gegangen, zum «Törggä usschellä». Verwandte, Nachbarn, alle hätten geholfen, weiss sie zu erzählen.
Mit schalkhaftem Lachen wirft einer seinem Gegenüber ein Stück Kolben zu. Das könnte eine versteckte Botschaft sein. Denn schon wird gehänselt und irgend etwas festgestellt. Und dann wieder gelacht. Es wiederholen sich Geschichten von früheren Zeiten, Erinnerungen, wie es früher zu Hause war. Die urbare Geselligkeit, diesen alten Brauch zu pflegen ist es, was den Ortsbürgerbund veranlasst, jährlich diesen Abend zu gestalten. Es sei das schönste Fest des Jahres, sagt ein junger Mann, der im Vorstand des Ortsbürgerbundes Vizepräsident ist, und verschwindet Richtung Aufzugsvorrichtung, für die er offensichtlich verantwortlich ist. Einige mit gebundenen Kolben gefüllte Harasse werden in einem Metallkorb auf die Diele gezogen. Dort warten Jugendliche und Kinder, die den Mais an die Drähte hängen. Dazwischen werfen sie gezielt einige Maiskörner an den Kopf der unten immer noch schälenden Leute. Gekicher ist zu hören.
Ja, ja, wenn diese Maiskolben getrocknet sind, werden sie abgeraspelt und in der Stricker-Mühle zu Maismehl gemahlen, sagt ein älterer Binder auf die Frage, wie es nun weitergehe. Ein Buchser Bäcker kaufe den Grossteil des Mehls für seine Maisbrote. Und ob bekannt sei, dass bis zum Hirschensprung das Mehl feiner gemahlen werden müsse, als für die weiter unten. Ja, so sei es, das Ribelmehl habe verschiedene regionale Konsistenzen. Gesund sei der Mais zudem, er habe einen Vetter gehabt, der sei 93 Jahre alt und esse jeden Tag ein Beckeli voll Ribel.
Der vor einer Stunde noch vollständige «Maiskolbenhügel» neigt sich dem Ende zu. Was bleibt sind die Blätter am Boden. Ein dreijähriger Knirps springt als erster mit einem Besen durch die Gegend. Kurz danach werden die Blätter in grosse Säcke abgefüllt und der Raum füllt  sich wie mit magischer Hand hergezaubert mit Tischen und Bänken einer Festwirtschaft. Es wird zum Znacht gebeten. Die Frauen aus dem Vorraum bringen die herrlich hergerichteten Brettchen mit Käse, Brätelen, Brot und Trauben. Dazu servieren Kinder, unverwechselbar der Nachwuchs des Ortsbürgerbundes, sauren und süssen Most. Der Präsident spricht und dankt und wünscht für den Rest des Abends fröhliche Geselligkeit und guten Appetit. Der Musiker aus Räfis spielt weiter auf seiner Handharmonika. Die lange Nacht der Unentwegten hat begonnen. Eigentlich genau so wie vor 50 Jahren.

Link zur Zeitung: www.w-und-o.ch/index.cfm?kat=6&rub=6&id=2100

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