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aktualisiert 12.8.2009
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Rheintaler vom 7.2.2004

Der Ribel schmeckt wieder

von Beda Hanimann

Der Ribelmais prägte während Jahrhunderten das Leben im Rheintal zwischen Zizers und Bodensee. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er als Arme-Leute-Gericht zunehmend verschmäht. Jetzt erlebt er eine Renaissance.

Schon wieder ist ein Etappenziel erreicht. Hans Oppliger, der Geschäftsführer des Vereins Rheintaler Ribelmais, ist zufrieden: In der «Music-Star»-Ausgabe vom letzten Sonntag wies Moderator Roman Kilchsperger beim Auftritt der überraschenden Sevelerin Carmen Fenk auf ein anderes starkes Rheintaler Eigengewächs hin, den Ribelmais. Und das zur besten Sendezeit, Sonntag abend, vor gegen einer Million Fernseh-Zuschauerinnen und -Zuschauern! «Das ist es genau, was wir vom Verein Ribelmais seit sieben Jahren anstreben», sagt Oppliger mit schelmischer Freude im Gesicht: «Dass der Ribel und damit das Rheintal in der ganzen Schweiz wahrgenommen und bekannt werden.»

Das Brot des Rheintals

Der Ribel und das Rheintal, das ist eine lange Geschichte. Die ersten Maispflanzen gelangten Ende des 15. Jahrhunderts aus Mittelamerika nach Spanien und Italien. Dort verdrängte der Mais rasch lokale Getreidesorten und ersetzte vor allem in ärmeren Bevölkerungsschichten den stets knappen Weizen. Der Maisanbau weitete sich in den Orient und später nach Mitteleuropa aus. Wann genau die Pflanze im Rheintal Fuss fasste, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Erste Erwähnungen finden sich in Zehntenabrechnungen des 17. Jahrhunderts. Im föhnverwöhnten, eher feuchten Rheintal fand die wärmeliebende und robuste Maispflanze, die weniger anfällig war auf Pilzkrankheiten, klimatische Bedingungen vor, die ihr zusagten. In der Folge wurde der Mais oder Türggen (von der Bezeichnung «grano turco», türkischer Weizen) rasch zur Ernährungsgrundlage der bäuerlichen Bevölkerung - und blieb es während 300 Jahren. Im 19. Jahrhundert galt der Ribelmais als «Brot des Rheintals». Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch verschwand er zunehmend aus den Haushalten. Arnold Graf, Braumeister aus Rebstein, der sich sowohl mit dem Mais wie mit dem Rheintal auskennt, hat für diese Entwicklung eine ebenso nüchterne wie einleuchtende Erklärung: «Der Rheintaler des 19. Jahrhunderts ass nicht morgens, mittags und abends Ribel, weil er besonders angetan gewesen wäre von der Schmackhaftigkeit dieses Produkts, sondern schlicht und einfach, weil er nicht hungern wollte.» Logisch also, dass der Ribel in den Hintergrund rückte und gar in Vergessenheit zu geraten drohte, sobald es erschwingliche Alternativen gab. So wurde der erwellte und dann gebratene Ribel in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum geschmähten Arme-Leute-Essen, das an schlechte Zeiten erinnerte. Ribelmais wurde degradiert zum Hühnerfutter.

Ribel und der Zeitgeist

Dass die Sozialgeschichte der Ernährung immer auch Menschheits- und Zeitgeist-Geschichte ist, zeigt sich am Ribel exemplarisch. Als sich die Sonnenbräu vor 25 Jahren nach neuen Biersorten umgesehen hatte, habe man sich wie selbstverständlich für ein Pilsner mit tschechischen Rohstoffen entschieden, erinnert sich Graf. Ein gutes Jahrzehnt später - es galt, das 100-Jahr-Jubiläum der Brauerei mit einer neuen Bierkreation zu feiern - fand man sich in einer anderen Zeit wieder. Der rührige Braumeister spricht von einem Sinneswandel: Im wachsenden Weltmarkt besann man sich wieder stärker auf regionale Eigenheiten - und für Graf und seine Leute in Rebstein war klar: Das Jubiläumsbier der Rheintaler Brauerei wird ein Maisbier. Das war allerdings schneller gesagt als getan. Denn Mais und Gerste, das waren zwei Paar Schuhe. Maisstärke lässt sich nicht ohne weiteres verzuckern (was für die Bierherstellung unumgänglich ist), im Fettgehalt des Maises sah man eine Gefahr für den Bierschaum. «Es brauchte eine besondere Technologie», sagt der Pionier in Sachen Maisbier. Das Engagement lohnte sich. Das Rheintaler Maisbier, für das bald einheimischer Ribelmais verwendet wurde (und neuerdings auch Braugerste aus der Region), entwickelte sich mit seinem reinen Geruch, der goldigen Farbe, dem runden, gegenüber herkömmlichem Bier weniger herben Geschmack zum Markenzeichen der kleinen Brauerei.

Werbeträger für eine Region

An der neuen Lust am Ribel arbeiteten indes auch andere. 1998 gründeten eine Handvoll Ribel-Verfechter - Bauern, Müller, Verarbeiter - den Verein Ribelmais. Ziel war, Anbau und Vermarktung von Ribelmais und der daraus gewonnenen Produkte zu fördern und die alte Landsorte zu erhalten. Der Ribelmais sollte das regionale Bewusstsein stärken und als Werbeträger für das Rheintal eingesetzt werden. Das traditionelle Produkt aus dem Föhntal wurde bald schon in den Schweizer Speisewagen zwischen Genf und München aufgetischt, es wurde an Tourismus- und Wirtschafts-Promotionen im Ausland serviert. Ein Höhepunkt in der Tätigkeit des Vereins Ribelmais war die Erlangung des AOC-Labels im August 2000. Die jüngste Tat ist die Herausgabe eines Ribelbuchs, welches Ursprung und Geschichte des Ribels dokumentiert.

Kreative Ribelküche

Das Buch enthält aber auch eine Reihe von Ribelmais-Rezepten, von denen die meisten aus der Küche von Hanspeter Trachsel vom «Schiff» in Buriet stammen. Der aus dem Rösti-Land Bern stammende und seit 1968 im Rheintal ansässige Trachsel hatte ein unverkrampftes Verhältnis zum Arme-Leute-Gericht Ribel - und zeigte den Rheintalern, wie vielfältig ihr Produkt einsetz- und verwertbar ist. Der «grosse Neuerer in Sachen Ribel», wie Ribelmais-Präsident Rolf Künzler den Berner nennt, präsentiert Ribelmais in süssen und salzigen Varianten, als Spätzli, Kroketten, Mousse oder Kuchen.  Und so kam es, wie Joe Keller, St.Galler Volkswirtschaftsdirektor mit Rheintaler Vergangenheit, verrät, dass sich der Ribel bei offiziellen Staatsempfängen zum ernsthaften Konkurrenten der St. Galler Bratwurst gemausert hat.        Beda Hanimann

Das Ribelbuch ist in regionalen Buchhandlungen erhältlich oder beim Verein Ribelmais, Landwirtschaftliche Schule Rheinhof, 9465 Salez www.ribelmais.ch

Stichwort

AOC und IGP

Das Label AOC (Appellation d'origine contrôlée oder Geschützte Ursprungsbezeichnung) zeichnet ein traditionelles und typisches Produkt einer Region aus. Bedingung ist, dass es ausschliesslich in der definierten Gegend erzeugt, verarbeitet und veredelt wird. Weniger weit geht das Label IGP (Indication géographique protégée oder Geschützte geografische Angabe), das eine Etappe (z.B. die Verarbeitung des Rohstoffs) ausserhalb der bestimmten Gegend zulässt. Die Zeichen AOC und IGP werden vom Bundesamt für Landwirtschaft verliehen. Der Rheintaler Ribelmais erlangte im August 2000 als zweites Produkt die AOC; heute tragen elf Erzeugnisse das AOC-Label, z.B. Gruyère, Tête de Moine oder Sbrinz, Walliser Destillate aus Williams-Birnen und Luizet-Aprikosen oder der Genfer Gemüseklassiker Kardi.

www.aoc-igp.ch

 

link zum Zeitungsartikel www.tagblatt.ch/leben.cfm?pass_id=873497

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