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Tagblatt vom 7. April 2006
Blaue Kartoffel für blaues Blut
So speist der norwegische König in St. Gallen: Ribel, Bodensee-Fisch und blaue Kartoffeln
St. Gallen. Wie hofiert man einem norwegischen Königspaar? Die St. Galler üben sich in braver Zurückhaltung. Sie setzen auf regionale Küche, Recycling-Blumenschmuck und Rosen in der Kloschüssel.
Melissa Müller
Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Gilt die Redewendung auch für König Harald V. und Königin Sonja aus Norwegen? Gestern waren sie da: Das vornehme Paar hat der Gallusstadt eine Stippvisite abgestattet. Vor einem Besuch in der Stiftsbibliothek und der HSG hat es im «Schlössli» am Spisertor den Magen gestärkt.
Um 11 Uhr laufen die Vorbereitungen im Restaurant auf Hochtouren. Blumen sagen mehr als tausend Worte: Konzentriert schmücken ein paar Damen die Toilette mit Rosenblättern – und füllen damit sogar die Kloschüsseln. Bei der Speisekarte hatte Ambros Wirth das Zepter. Der «Schlössli»-Wirt steht zu seinem Lampenfieber: «Wenn Sie vor dem Start auf dem Rennpferd sässen, würden Sie auch zappeln, oder?»
So schmeckt die Ostschweiz
In der Küche brutzelt es schon. Der Hausherr will den norwegischen Gourmets zeigen, wie die Ostschweiz schmeckt – und greift auf ehemals proletarische Speisen wie Rheintaler Ribel zurück. Küchenchef Urs Hälg wendet rare Bodensee-Forellen in Butter. Eine Köchin richtet blaue Kartoffeln auf weissen Tellern an – das sollte später bei Tisch die Sinne irritieren. Ein junger Koch hat eine Woche lang 280 Ravioli mit Toggenburger Käse gefüllt. Und nicht von ungefähr stammen die Kirschen für das Parfait vom Rorschacherberg.
Weil Bundesrat Moritz Leuenberger darauf bestand, das Essen mit Zürcher Wein abzurunden, gibts Pinot Blanc aus Zürich. «Der hat genug Kraft, neben den Trüffeln zu bestehen», versichert Ambros Wirth. Wert legt er ebenso auf Max-Havelaar-Kaffee. Das passt zum Programm: Am Nachmittag besucht der König an der HSG ein Seminar über Nachhaltigkeit.
Weihnachtsbaum in Stücken
Beim Blumenschmuck setzt man auf Wiederverwertung: Am Eingang steht ein Konstrukt aus Ästen, an dem Anemonen und Tulpen baumeln. Die Äste sind Überbleibsel der Weihnachtstanne, die den Klosterplatz zierte. Eigens für den hohen Besuch hat der Wirt sein Haus mit Design-Möbeln ausgestattet. Im Rokoko-Saal, wo König Harald V. und seine Sonja sich ausruhen können, stehen Corbusier-Sessel. Unklar bleibt, warum an jedem Möbel ein Preisschild hängt.
Um 12.40 Uhr ist es endlich so weit: Das königliche Paar und seine erlauchte Gesellschaft, darunter Regierungspräsident Willi Haag und HSG-Rektor Ernst Mohr, werden mit dem Bus vom Gaiserbahnhof zum «Schlössli» chauffiert. Ein Hauch von Noblesse liegt in der Luft. Etwa hundert Schaulustige versuchen, einen Blick auf das Königspaar zu erhaschen. Vermutlich ebenso viele Polizisten sind «undercover» vor Ort. Starr wie Salzsäulen und stumm wie Bodensee-Fische markieren sie Präsenz.
Wenig später: Im oberen «Schlössli»-Saal ist geschlossene Gesellschaft für 35 Auserwählte. Kaum aufgetischt, ist es schon vorbei. In der Küche bleiben Berge von Geschirr zurück. Als sich das Haus geleert hat, trinkt Ambros Wirth einen Kaffee. Königin Sonja habe die blaue Kartoffel erst skeptisch beäugt. Dann aber habe sie ihr geschmeckt, sagt er erleichtert.

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